Jupp Linssen

Gebaute Bilder

Ein Bild aus seinen üblichen zwei Dimensionen auch körperlich in eine dritte Dimension zu heben und dadurch seiner metaphysischen Tiefe und Bedeutsamkeit eine greifbare (sieh) anheim zu geben, um aus einer sinnlichen eine dingliche Barriere im Raum des Betrachters "zu bauen“, damit ließe sich das Arbeiten von Jupp Linssen am ehesten beschreiben. Er schichtet Material in gebrochenen Rhythmen übereinander, schafft luftige Volumen aus kunstfernen Stoffen und desavouiert so die akademische Tradition in der Kunst. Für Jupp Linssen ist das Formschöne unwichtig jedenfalls insoweit, als der Bildkörper nicht in Rahmen gezwängt, die Oberfläche nicht glatt und das Material nicht neu sein muss. Seinen Arbeiten für den Raum geht es um Glaubwürdigkeit Sie verheimlichen nicht ihre Entstehung. Sie evozieren Erinnerungen. Sie spielen mit romantischen Elementen ebenso wie mit pragmatischen Notwendigkeiten. Das Ziel ist, dass die Kunst sich nicht von der Wirklichkeit entfernt, sondern zu einem Teil dessen wird.

Stefan Skowron


Die Schönheit des Unzulänglichen – Bilder zurück in die Welt bringen

Jupp Linssens Malerei steht im Widerspruch zu den vielen glatten, seelenlosen Artefakten einer durch die technische Perfektion bestimmten Massenproduktion. Die Körperlichkeit, der Materialauftrag und der Duktus seiner Malerei sind die Erwiderung des Künstlers auf eine formalisierte, mediale Welt, in der sich durch die Vervielfachung der virtuellen Möglichkeiten die Urheberschaft des Einzelnen verliert. Die Bilder spiegeln das in unserer Warenwelt Abwesende: die Spuren menschlicher Existenz, Körperlichkeit.

… Spuren des Tuns, Brüche, Zufälle, Unebenheiten, die wir im Alltag eher bemüht sind zu verstecken oder gar zu beseitigen ... nicht aufgeräumt, nicht sauber, ein Spiel, das sich in den nicht kontrollierten Zwischenräumen entfaltet ... minimale Eingriffe im Auftrag der Schichten ... Leerstellen, die einen Einblick in die darunter liegende Historie gewähren ...

Die Bilder sind wie ein zivilisatorischer Spiegel, der das Zuviel an Ordnung und Sauberkeit einer Lebenswelt ohne oder mit einem Mangel an nachvollziehbaren individuellen Spuren deutlich macht.

Übereinander gestapelte Leinwände werden bisweilen umfasst und zusammengehalten mit Metall, welches selbst durch die Spuren seiner Geschichtlichkeit zum Bildträger wird. Die dahinterliegenden Bilder scheinen aufgehoben zu sein und sind doch verloren - vielleicht ein Tribut des Akteurs an das nicht Scheitern wollen, an das nicht Vergessen wollen.

Nicht die Beschreibung des Prozesses und auch nicht die Konservierung der Abfolge desselben sind wichtig, sondern der Akt des Verstellens, des Voranstellens – die Entscheidung dies zu zeigen und nicht das Dahinterliegende – eben Malerei.

Die Malerei von Jupp Linssen repräsentiert nicht die perfektionierten Möglichkeiten hochentwickelter Handwerkskunst. Vielmehr zeigt und hinterlässt der Künstler willentlich und in Abgrenzung zur hochtechnisierten industriellen Fertigung seine Spuren.

Kunst entsteht eben doch, auch wenn es der eine oder andere missbilligt, aus dem Wollen im Sinne eines freien Willens und nicht aus dem Können in einem handwerklich exakten Sinne. Der Wille ist die entscheidende, jedem Gestalten zugrunde liegende menschliche Kraft, der Fruchtstängel eines jeden gestaltenden Prozesses.

Wir brauchen diese Bilder, um uns an die oftmals zu schnell beseitigten Spuren unserer Existenz zu erinnern, uns zu spüren. Diese Bilder sind schlichte Zeugen einer menschlichen Spur und dieses sind sie vielmehr als all die bunten Artefakte des schönen Lebens.

Beseitigen wir zu viele Spuren unseres Daseins verlieren wir die Lesbarkeit unserer Biographie. Die Malerei und die durch sie freigesetzten Bilder mögen uns für die Schönheit im Alltäglichen sensibilisieren – für die Lesbarkeit der Spuren und das Finden der eigenen Existenz in ihnen. Diese Spuren schaffen die Verbundenheit zwischen mir und dem Bild.

Das schöne, ungenügende und unperfekte Bild spiegelt die menschliche Existenz mit ihren Brüchen, Zufällen und Unebenheiten wider, die auch erst in der Akzeptanz der Unzulänglichkeit ganz wird.

 

Tillmann Sonnenernter