Heinz Mack

„Das Licht ist für meine Kunst entscheidend. Was das Licht betrifft, so möchte ich an die Grenze des Machbaren gehen. Ich bin von dem Spektrum des Lichts fasziniert und zwar bezogen auf den Raum und die Zeit. Das Licht hat eine eigene Energie und Qualität. Licht im Raum artikuliert. Das kann auch schon eine Kerze im Raum sein. Aber auch die Zeit findet sich als rhythmisches Element in meinen Werken wieder.“

Heinz Mack in „ZERO - Freiheit für die Kunst“ Auszug aus einem Interview mit dem WDR im April 2006 über die revolutionäre Zeit der Avantgarde-Gruppe.


Malerei

„Malerei hat mich immer fasziniert, wenn sie von Licht erfüllt ist. Aber Malerei ist für mich auch weit mehr; sie ist jener Vordergrund des unendlich tiefen und schwarzen Raums, in dem Licht und Farbe untrennbar eines geworden sind. Die Identität von Licht und Farbe, welche im Spektrum sichtbar wird, ist der Gegenstand meiner Malerei - es ist ihr einziger Gegenstand.“

Farbintensität ist immer eine Lichtintensität. „Da für mich Farbe stets Farbe als Licht und Licht als Farbe ist, welches ich in meinen Chromatiken zu erfassen und zu gestalten suche, ist der Begriff der Farbintensität stets auch ein qualitativer Begriff der Lichtintensität - das aber unter der Voraussetzung, dass der Begriff der Intensität hier ein ästhetischer Begriff ist - und kein physikalischer Begriff.“ Das Leise, Unmerkliche, Zarte, Sphärische, Transparente, Immaterielle der Farbe kann die Intensität ebenso bestimmen, wie die expressiv und rauh aufgetragene
Farbe.

Es ist das Wesen von Macks chromatischen Bildern, dass die Farben unmerklich und nuancenreich ineinander übergehen ohne dabei eine weitere wesentliche
Eigenschaft zu verlieren, nämlich von Stufe zu Stufe deutlich Farbkontraste zu zeigen. Dabei folgt der Verdichtung einer Farbe immer eine Aufhellung und umgekehrt. Dieser gleitende Übergang von einer Farbe zu ihrer nächsten Kontrastfarbe ist nur darum möglich, weil Heinz Mack von einer Farbstoffe zur nächsten quasi eine kleinere Farbstufe einfügt, die zwischen den Kontrastpaaren der großen Stufen vermittelt. Im Falle der Farbchromatik entstehen viele Intervalle, Stufungen, Sequenzen, Farbrhythmen, Rapporte und Schwingungen. In der ZERO-Zeit nannte Heinz Mack das die Vibration der Farbe; heute spricht er eher von Schwingungen, um das dynamische Prinzip zwischen den einzelnen
Farbstufen zu umschreiben.

Formen haben in Macks chromatischen Bildern nur noch die Bedeutung einer rhythmischen Begrenzung, innerhalb derer das Licht als Farbe zur Erscheinung kommt. Enthält eine Lichtchromatik viele reine Lichtfarben und deren jeweilige Verdichtungen und Aufhellungen, so kommt es je nach deren Anteilen zu dunklen gesättigten oder zu lichtvollen hellen Bildern. Dass die Farbtemperaturen auch zugleich über die Sinnlichkeit der Farben entscheiden, und dass diese größer
ist, je weicher und „malerischer“ die Farbe aufgetragen wird, oder in Lasuren diaphan das Farblicht oszillieren lässt - auch das sind Bedingungen einer reichen, komplexen Farbstrahlung, in der dynamische und rhythmische Schwingungen spannungsvolle, harmonikale Beziehungen zueinander unterhalten.

Heinz Mack - Was ist für mich eine Skulptur?

Ich habe keine Theorien, sondern Ideen, mit denen ich in die Werkstatt gehe.

Meine Skulpturen müssen zuerst einmal das bedeuten, was sie selbst sind.

Meine Arbeiten sind nur lebendig, wenn sie „ihr“ Licht, das „richtige“ Licht haben, Denn sie sind Gegenstände des Lichts, Instrumente des Lichts und ein Ausdruck seiner Energie. So sind meine neuen Werke, deren Material Granit oder Marmor ist, Widerstände für das Licht und Verteidiger der Schatten. Sie können ebenso Ausdruck von Energie sein, wie jene Werke aus Metall, auf deren glänzender Haut das Licht zurückgeworfen wird.
Der kristalline Stein kann an die Stelle des polierten Metalls treten, denn meine Ideen sind nicht von einem einzigen Material abhängig.
Manchmal bin ich verzweifelt, weil mich so vieles berührt, beeinflusst, verwirrt: aber es ist immer das Licht, welches mich fasziniert hat – und – um präzise zu sein – es sind die Träume, die man träumt, wenn das Licht mit der Materie schläft.

Das Verdikt Rodins: Skulptur ist die Kunst der Buckel und Löcher; die Kunst, die Formen im Spiel mit Licht und Schatten darzustellen, Brancusi hatte die Löcher verneint, Moore bejahte sie. Für mich aber gilt besonders die zweite Hälfte des Satzes: das Licht ist es, in dem wir leben – und so ist auch jede Skulptur ohne Licht nur totes Material.
Was mich zutiefst beeindruckte, als ich 1957 das Atelier von Brancusi betrat, waren die Beziehungen zwischen dem einfachen Material und den einfachen Volumen und dem Rhythmus dieser Volumen,
Der Rhythmus ist wie ein Kardiogramm unseres Herzschlags; - wogegen die Proportionen und Ponderationen von Massen und Volumen eher der intuitiven Fähigkeit unserer Augen entspricht, Maß zu nehmen.
So haben mich von Kindheit an Treppen und Stufen fasziniert, weil Körpergefühl und Rhythmus zu einer einzigen Erfahrung sich steigerten, von Schritt zu Schritt, von Stufe zu Stufe, bis zur Erschöpfung.

Je lapidarer, stärker, monumentaler die Grundform eines Reliefs oder einer Skulptur ist, desto differenzierter und komplizierter, aber auch desto vorsichtiger und zurückhaltender investiere ich alle Entdeckungen, Erfindungen, Phantasie und Ideenreichtum in diese Grundform. Meine Vorliebe für euklidische, also einfache, strenge Formen, erlaubt es, dass ich sie der Natur aussetzen kann, weil sie sich in deren komplizierter Formenwelt leichter behaupten können.

Struktur ist eine innere Ordnung von einfachen und komplexen Beziehungen, die in rhythmischer Form in Erscheinung treten. Die Erscheinungsweise dieser Beziehungen ist hier die Form. Solche Beziehungen existieren zwischen Körper und Raum, Licht und Schatten, Stille und Bewegung. Sie werden im tastenden Sehen erfahren (ich mache keine Körper, die man begreifen kann). Dieses Sehen muss sowohl sinnlich als auch erkennend sein und es muss eine dynamische Qualität haben, um dem kinetischen Lichtvolumen der Skulptur zu entsprechen, und nicht zuletzt hat für mich die Empfindung, welche das Rhythmische bewirkt, eine starke, sinnliche Qualität.

Ich kann den Raum nicht von der Skulptur trennen. Stelle ich eine Skulptur in verschiedenen Räumen auf – sei es ein Innenraum, sei es ein Außenraum – so wird ihre Erscheinung eine jeweils andere sein. Im Idealfall kommt ein bestimmter Raum, ein bestimmtes Licht, eine bestimmte Skulptur und ein bestimmter Betrachter zusammen, Dies scheint selbstverständlich, ist es aber nicht.

Indem sich meine Skulpturen – wie die Erscheinungen der Natur – ihren Raum und ihr Licht suchen, finden sie eine „natürliche“ Nachbarschaft zur Natur; in ihr können sie leben, weil sie selbst Ausdruck von Energie und Bewegung sind, ihr eigenes Volumen, ihren eigenen Rhythmus haben und die Natur nicht nachahmen.

Die dynamische Beziehung zwischen Expansion und Gravitation, welche einige meiner Werke – insbesondere die Steinplastiken – zeigen, beruht auf der dynamischen Vermittlung zwischen der Basis der Erde und dem Raum der Luft, wobei ich beobachtet habe, dass der Raum mit zunehmender Entfernung von der Erde leichter und schwereloser wird. Darum hat die Skulptur in der Nähe der Erde ein anderes Sein als im Bereich der Luft.

Eine monumentale Skulptur gewinnt ihre innere Dimension nicht durch die Anzahl der Zentimeter, welche das menschliche Maß übersteigt und den Menschen also „klein“ werden lassen.
Die Monumentalität der Skulptur ist ein Maß der inneren Vorstellung, der reinen Imagination, - diese bewirkt, dass der Mensch eine Empfindung des Großen hat, die ihn über seine eigene Kleinheit erhebt.

Es erstaunt mich immer wieder, wie „leicht“ die Natur meine Skulpturen annimmt. Die Verwandlung und die durch diese bewirkte Verfremdung, welche zustande kommt, sobald ich meine Skulpturen den offenen Räumen überlasse, erreicht ihre besondere Intensität im Raum der Wüste, im Raum des Himmels und auf der unendlichen Fläche des Meeres. Im idealen Falle kommt es zur „reinen Anschauung“, in der ich alle Fesseln des kritischen Denkens abwerfe, um vollkommen frei zu sein. In diesen Räumen verwirklichen sich meine Träume. Sie ereignen sich nicht nur in den Museen und Galerien, weil dort der Raum nicht frei ist.
Ich bevorzuge den Raum der offenen Natur.
Der Raum der Museen ist ein künstlicher.
Alle Bewunderung und mein Interesse an der Natur vergesse ich aber, wenn ich in meiner Werkstatt arbeite. Umso mehr erstaunt es mich, dass das, was ich ganz allein für mich und aus mir heraus entdecke, entwickelt und sichtbar gemacht habe, einer oft verwandten Form und Struktur entspricht, welche wir in der Natur vorfinden.

Diese offensichtliche Wahlverwandtschaft suche ich nicht, sie ergibt sich.
Je älter ich werde, desto besser begreife ich, wie nicht die Kunst das wunderbare ist, sondern der Mensch als Teil der Natur.
Das kann jeder mit offenen Augen sehen, wenn diese nicht nur die Fenster seiner Phantasie sind, sondern auch Spiegel der reinen Anschauung, welche selbst ein Spiegelbild der reinen Vorstellung ist.
Diese Vorstellung – die Idee – ist also zutiefst im Künstler verborgen, quasi schon existent, bevor sie das Tageslicht erblickt.
Für mich ist die Macht der Anschauung viel stärker als die des Denkens.
Vielleicht ist alle große Kunst eine reine Anschauung und darin Gott nahe.
Es ist eine dieser wunderbaren Eigenschaften des Lichts, dass es die kleinen, wie auch die größten Gegenstände des Universums gleichermaßen gut sichtbar macht.

Das Geheimnisvolle, Rätselhafte, Wunderbare, welches in der Kunst sichtbar wird, zeigt sich auf ihrer Oberfläche.
Das, was sich in ihr verbirgt, verbirgt sich unter ihrer Oberfläche. Zerstört man die Oberfläche, zerstört man das Geheimnis – darum die Trauer angesichts der verletzten, zerstörten Schönheit.

Ich kenne jetzt kein Material mehr, das ich besonders bevorzuge; - es sei denn, dass die Idee an ein bestimmtes Material gebunden ist.
Es gibt aber auch Ideen, die sich ändern, sobald das Material sich ändert.

Aber auch das gibt mir zu denken, wenn ich an St. Bernard de Clairvaux denke, der – vor fast 1000 Jahren – auf die Frage, was Gott sei, antwortete: „Höhe, Breite, Tiefe“.

(Auszüge aus dem Vorwort im Ausstellungskatalog Mack- Skulpturen und Malerei, Galerie Lauter, 1992)


Originalgraphik


„Für mich ist die Grafik eine Sprache ohne Worte, eine vollkommene poetische Sprache, mit eigener Syntax, Metrik, Sprachmelodie, mit eigenem Rhythmus. Reine visuelle Poesie, weil sie keinen rationalen Sinn enthält.“

Zeichnungen erlauben dem Künstler eine größere Spontaneität als Malerei oder Skulptur. Was hier zum Ausdruck kommt, kann eben nur durch eine Zeichnung sichtbar werden. Heinz Mack schätzt dabei auch die innere Logik und Disziplin, die in einer guten Zeichnung sichtbar werden kann. Darum hat er seine Zeichnungen einmal als die „Grammatik meiner Kunst“ bezeichnet: „Ich denke, dass sich die Linien zu einem Energiefeld, zu einer Struktur verdichten, in dem alle Teile, alle Elemente in einem unauflösbaren Zusammenhang stehen und in Schwingung oder gar Vibration geraten, wenn wir sie mit Sensibilität, mit Ruhe und gegenstandslosem Interesse betrachten.“

Zeichnungen folgen als Sprache den Bewegungen von Macks Hand, ihrem Duktus, ihrem Rhythmus und mehr oder weniger unbewußt seinen Empfindungen: „Zeichnungen sind quasi seismographische Diagramme unserer inneren Erregung und Emotion“. Eine besondere Affinität hat der Künstler gerade zu den Zeichnungen, die bei einem katastrophalen Brand zerstört wurden: Den vielen Akt- und Portraitzeichnungen aus den Jahren 1950 bis 1954. Diese Aussage mag überraschen, weil seit diesen frühen Jahren sein gesamtes Oeuvre nicht figurativ und gegenstandslos ist.

Für Heinz Mack ist in gewissem Sinne eine Grafik ein hochsensibles Nervensystem. Gleichzeitig haben seine Zeichnungen eine innere Beziehung, eine Art Code zum Mikrokosmos, der heute ausschließlich der Gegenstand von Naturforschung und Technik ist. Das wäre eine neue Art von Gegenständlichkeit, die man zwar durch mikroskope Fotografie visualisieren, mit bloßem Auge aber nicht mehr erkennen kann. „Es beeindruckt mich selbst und bleibt mir vollkommen rätselhaft, dass ich Zeichnungen gemacht habe, die man mit den Bildern verwechseln kann, welche viele Jahre später in den Naturwissenschaften und in der Computertechnik entwickelt worden sind. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Auch ich bin ein Künstler meiner Zeit. Es ist nur konsequent, wenn in den Pastellen die Spektralfarben ungetrübt zueinander treten. Weiß und Schwarz sind deren Summe oder ihre Abwesendheit, das absolute Licht und die Alles sonst ausschließende Finsternis. Das Geschehen in der Fläche und ihren Schichten wird ohne Illusionismus wirksam. Eine Grundgegebenheit dafür ist eine gewisse serielle Struktur, ein Gleichmaß der Verteilung gleichstarker, gleichmäßig einander naher Impulse.“

Franz Joseph van der Grinten bemerkt in seinem Vorwort zum Buch Mack – Zeichnungen, Pastelle, Tuschen:

„...Das Papier ist ein neutraler Grund. Es kann nichts sein für nichts oder, entsprechend dem Himmel, das All. Heinz Mack entbreitet auf ihm – pars pro toto - seine Welt. Sie ist auch da, wo Dunkelheit waltet, eine apollinische. Klarheit, Ausgewogenheit und Wohlklang sind es, zu denen er sein Werk, jedes seiner Werke reifen zu lassen sucht. Ein harmonisches Verhältnis der Teile zueinander, die rechte Proportion. Aber das bedeutet nicht Dämpfung, ihrer jedes bringt seine Kraft ein und stimmt sich ins Ganze. Ein voller Klang die befriedigte Energie sich bündelnd. Und durchaus ist es Schönheit, auf die der verlangende Blick des Schaffenden sich richtet. Derart ruhen seine Bildwerke in sich, aber sie tun es mit der Vitalität aufrechter Haltung...“